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Flatterball ist der Blog für Fußballgeschichten mit dem wöchentlichen & zurecht fast weltberühmten Podcast.

„Der kann vor Cojones kaum stehen“ – Bayern gegen Real oder eine Liebeserklärung an Wolff-Christoph Fuss

Man fühlt sich ja gerne mal überlegen. Den Spielern gegenüber, die sich eh nie wirklich anstrengen. Den Trainern gegenüber, die nur unsinnig auswechseln. Und auch den Kommentatoren gegenüber, die seit Jahr und Tag und Schwachsinn von sich geben. Allein, es gibt ja immer noch Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Eine dieser Ausnahmen ist Wolff-Christoph Fuss.

Geschrieben von Herr Wagner am 18.04.2012 um 13:29 Uhr
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Größter Dank für diesen Artikel gebührt Rolf Witteler, Chef des großartigen und bald zurecht weltberühmten Musiklabels Le Pop aus Köln. Rolf hat — weil er nicht anders konnte — die Zitate gestern Abend mitgeschrieben. Während des Spiels. Und da sage noch einer, wir wären die einzigen Verrückten der deutschen Fußballlandschaft.

Das Halbfinale der Champions League: Zeit für große Mannschaften. Zeit für große Spiele und große Spieler. Zeit für Livefußball, Zeit für Liveticker, Zeit für große Worte – dachte sich auch Wolff-Christoph Fuss, Sat1-Kommentator für das Hinspiel des nächsten Spiels der Spiele.

Der Fußball, er macht bekanntlich die Sprache bunt. Selten so sehr wie zu großen Anlässen, selten so vielfarbig wie bei Fuss, der mit dem größten Farbeimer vorweg marschiert.

Zur 7:1-Klatsche der Leverkusener gegen Barcelona erfand er den „Ejakulativ“, die dem Fußball eigene Steigerung des Superlativ.
Fuss hat, selten unter den deutschen Kommentatoren, die Fähigkeit, dem Moment entsprechend zu Schreien. Und er kann das prägnanter als die Meisten. Kopfballstarke Abwehrspieler werden so schnell mal Eroberer im römischen Stil – „Veni, vidi, Vidic!“. Für ein wichtiges Volleytraumtor reicht ein „Robben, ROOOOOOOBBBBEEENN!“ Für Schussstärke reicht die Analogie zum Pferd. Für Fuss sind die Dinge des Fußballs „unvorstellbar“, sind die Dinge „unfassbar, UNFASSBAR!“

Nur einer, der den Fußball liebt, vergisst den distanzierten Journalisten so konsequent – zugunsten des Liebhabers der schönsten Nebensache der Welt. So geschehen gestern Abend, beim Heimspiel der Bayern gegen Real Madrid.

Als Cristiano Ronaldo zum Freistoß anläuft, heißt es nicht „Jetzt muss die Abwehr aufpassen.“ Für Fuss gilt das, was auch der Rest der Welt sieht. Ronaldos alberne Cowboyhaltung und das klare Verdikt: „Der kann vor Cojones kaum stehen.“ Als Mourinho in gewohnter Schauspielermanier zu Schiri Howard Webb gestikultiert, sagt Fuss nicht: „Das kennt man von Mourinho.“ Er bemüht auch nicht den „Special One.“ Fuss meint: „Der hat den schwarzen Gürtel in Selbstdarstellung.“ Jupp Heynckes springt nicht von seinem Platz auf der Bank auf, er kommt „wie ein HB-Männchen aus seinem Häuschen.“ Der Zweikampf wird nicht hart geführt, er ist „Zweikampf für Erwachsene. Mein lieber Freund!“

Fuss weiß: Wenn’s zur Sache geht, geht’s eben zur Sache. Aber Fuss‘ Repertoire ist breiter, seine Fähigkeit, dass eine Wort zu finden, dass sich ins Hirn einprägt, ist im deutschen Kommentatorengeschäft beispiellos.

Ein Foul darf auch mal „zart“ sein; es sei denn, Marcelo wemmst zum Ende des Spiels hin Thomas Müller grundlos um. Dann stürzen die Kontrahenten aufeinander, sie schubsen sich und diskutieren und der Schiri hat seine liebe Mühe, das Treiben auseinander zu bringen. Für Fuss ist auch das in einem Wort sagbar: Es wird „rudelig.“ Und als würden diese Wortschöpfungen – ob man nun Verfechter des Klardeutschen oder des Hochdeutschen ist – noch nicht reichen; als wäre ein Fußballabend mit Fuss nicht ohnehin schon dieses kleine entscheidende Quäntchen unterhaltsamer als ein Abend mit den Poschmanns und den Bela Rethys dieser Welt; als hätte man nicht immer noch Cristano Ronaldo Cojones vor dem geistigen Auge, hebt sich Fuss, der alte Populist, das Beste für den Schluss auf.

Es ist immerhin ein Halbfinale in der Königsklasse. Keiner weiß das besser als Fuss.

Das Spiel neigt sich dem Ende zu. Es steht 1:1. Die Bayern wollen, können aber nicht so richtig. Die Madrilenen können, wollen aber nicht so richtig. „Da hilft nur irgendwas lucky-punchiges“, stellt Fuss fest. “Die Bayern haben Augenhöhe.” Die Bayern drücken ein letztes Mal. Perfekte Höhepunktstimmung. Fuss verlegt sich — das Spannungsmoment des Kommentators — auf das von Pausen getragene Betonen von Nachnamen. “Ribéry.” Lahm kriegt den Ball auf dem Flügel. Umspielt 2 Mann. Zieht nach innen. Er sagt noch nix — Anspannung. Da kommt der Nachnahme. “Lahm.” Flache Flanke. Der Ball zischt eine sekundenlange Ewigkeit zum Fünfmeterraum. Gomez rauscht an. Der Ball findet irgendwie sein Knie. Die punktgenaue Explosion. “GUT GUT GUT GUT! 89. MINUTE!” Winzige Atempause. „Lucky-Punch-Time“, wiederholt Fuss den eigenen, kaum 2 Minuten alten verbalen Geniestreich. Der Ball ist irgendwie drin. Keiner weiß wie. Ist auch egal. “Gomez lümmelt den irgendwie über die Linie, schießt sich glaube ich sogar noch selbst an.”
So sieht’s aus. Selbst Gomez alberner Matador-Jubel bekommt von Fuss jetzt ein “Olé!”.
„Ein Last-Minute-Black-Out der Königlichen“, schließt er die Analogie folgerichtig.

Durchatmen. Nachspielzeit. Abpfiff.

Geblackoutet durch einen Lucky Punch, schwarze Bestie besiegt Ballett, darf man mit offenem Maul vor der Glotze im Kopf zusammenfassen.
Wo war der mit den Cojones eigentlich, darf man sich dann fragen.
Jetzt, wo’s nicht mehr rudelig ist, merkt man, dass Fuss nur zu Recht hatte, mit dem lucky-punchigen Schlussakkord –- und jetzt überkommt’s einen so wohlig. Man erinnert sich, dass der Gomez – „Dem kannst du vier Großchancen geben und dann macht der einen mit Knie“ – das ganze ja entschieden hatte. Erinnert sich, dass der Fuss ihn zum „Torschützenkönig unter den Sterblichen“ gekürt hat (womit Lionel Messis Wundersaison auch noch im Nichtgesagten seine Beschreibung findet).
Erinnert sich, das alles gepasst hat, im Spiel, in der Dramaturgie, im begleitetenden Geheul.
Man ist amüsiert.
Man fühlt sich gut unterhalten.
Man fühlt sich, wie man sich nach einem Fußballspiel fühlen sollte.
Fußball ist nicht da für Analyse.
Fußball ist nicht da für Ausgewogenheit.
Fußball ist da, um erzählt zu werden, um bejubelt und beschrien zu werden.
Fußball ist, um es mit Fuss zu sagen, der Ejakulativ.


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15 Kommentare für diesen Artikel

  1. Nice Read! Danke!


  2. JK27 sagt:

    Das ganze ist wie immer Geschmackssache und ich habe mit seiner Art kein Problem, die Wortschöpfungen sind mir oft “too much”. Mit Lucky Punch hat er aber komplett in die Scheiße gegriffen. Man spricht von einem Lucky Punch, wenn ein unterlegener Gegner, der nach Punkten zurückliegt doch noch einen KO landet. Bayern war weder unterlegen, noch lagen sie zurück. Wie Herr Fuss dann selbst nochmal erklärte hatte Gomez bereits 3 gute Chancen nach Flanken und hat die Vierte dann gemacht, quasi das Gegenteil eines Lucky Punches aus dem Nichts…


  3. Herr Wagner sagt:

    @JK27: Kann man sicher so sehen. Und unterlegen waren die Bayern sicher nicht.
    Aber ich glaube, was Fuss m.E. damit beschreibt, macht schon Sinn.
    Das Spiel war in der Viertelstunde vor dem 2:1 von Real ziemlich eingefroren worden. Es sah, fand ich, nicht mehr so wirklich nach einem Siegtreffer aus. Und da Fußball ja sowieso nur mittelmäßig planbar ist und Real defensiv ziemlich stark ist und Mourinho dazu gerade berühmt dafür ist, Spiele am Ende nach seinem Wunsch zuzumachen, brauchte es eben eine besondere Aktion.
    Und dafür den “Lucky Punch” als Begriff zu nehmen, fand ich eigentlich ganz passend.


  4. WeißerBrasilianer sagt:

    Sehr netter Artikel über ein Thema, das eher selten Erwähnung findet:Kommentatoren!
    Über Fuss Wortwahl lässt sich sicher manchmal streiten, ein begabter Rhetoriker jedoch ist er zweifelsohne. Seine Wortneuschöpfungen sind sehr unterhaltsam. In der Beurteilung von Spielszenen liegt er meiner Meinung nach ab und an katastrophal daneben. Aber gut so ist das halt im Fussball. Man kann über jede Szene diskutieren.
    Peinlich wirds erst wenn dem Fußball-Kommentator die Abseitsregel nicht ganz vertraut ist. Ich kann mich noch gut erinnern, wie er sich mal bei Bremen gegen Sampdoria Genua in der cl-quali minutenlang über nen ausbleibenden Abseitspfiff nach einem Einwurf aufgeregt hat. Aber alles in allem hör ich ihn eig. ganz gern und allemal lieber als die Kollegen vom ZDF o.ä.

    Detail: Der Spruch mit dem schwarzen Gürtel für Selbstdarstellung bezog sich auf Howard Webb und nicht auf Mourinho. Was aber wirklich n herrlicher Satz war, so wie der Herr Webb sich nach jedem Foul aufgeführt hat.


  5. Randnotiz sagt:

    Auf YT gibt es mehrere Fuss- Compilations, sollte jemand auf den Geschmack gekommen sein.


  6. Herr Wagner sagt:

    @WeißerBrasilianer: Ich glaub’ nein — in meiner Erinnerung war das Fuss’ Kommentar auf Mourinhos operettenhaftes Gestikulieren und Entschuldigen gegenüber Schiri Webb.
    So oder so war das eine brillante Szene: Mourinho hat in 4, 5 Sekunden nur mit Gesten das komplette Theater der Gefühle durchlaufen:
    - Zampeln mit den Armen, Auf- und Abhüpfen (Aufregung, Wut, Protest)
    - Verziehen des Gesichts (Frustration)
    - Lächeln und Kopfwackeln (Ironie, Akzeptanz der Situation)
    - Umdrehen und dabei mit den Armen wedeln (Wir sind noch nicht fertig miteinander)
    So ne Art Autopsychotherapie, die genau so lang dauert wie andere sich ‘ne Zigarette anmachen.
    Kein Wunder, dass er sich selbst für was ganz Besonderes hält.

    @Randnotiz: Auf jeden Fall. Das hier z.B. eignet sich wunderbar als Hintergrundmusik fürs Arbeiten: http://www.youtube.com/watch?v=1NHj_S550d4


  7. R0me sagt:

    Dieser Kommentar von Wolff Christoph Fuss ist göttlich!
    C. Ronaldo nimmt anlauf zum Freistoß, stellt sich breitbeinig hin und dann:
    „Der kann vor Cojones kaum stehen“.

    beste!!


  8. Randnotiz sagt:

    @Herr Wagner Wolff Fuss geht immer.

    PS: ich find die neuen Einspieler ziemlich genial, großes Lob. Vor allem an Frau Herr Wagner, die viel zu selten gelobt wird.



  9. Saint sagt:

    Fuss ist einer der wenigen guten die wir in D haben …

    … ist meist “im Spiel” drinnen und seine Wortneuschöpfungen sind teils sehr sehr unterhaltsam … man merkt immer erst wie gut er das eigentlich macht wenn man dann einen Reif oder Turn und Taxis im Vergleich hört … diese bei sind einfach der Absturz (ob falsche Namen, das obligatorische HUUUIII, oder einfach komplett am Spiel vorbei Kommentierend) … schlimmer gehts nicht ….

    …. das allerschlimmste daran ist jedoch … das sie von Sky als ihre “Flagschiffe” angesehen werden und jedes Topspiel kommentieren …

    … danke das es auch solche gibt wie den Herrn Fuss …


  10. Luis sagt:

    aber wenn es einen Konkurrenten geben sollte, dann wäre das Fernando “Scorless” Torres. schaut euch das mal an:

    http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:TorresChelsea2011.jpg&filetimestamp=20110917174140


  11. Jean-Luc sagt:

    Hab mir gestern wohl zum ersten Mal auch Fuss anhören dürfen.

    Während ich mit dem kreativen Spracheinfallsreichtum keine Probleme hatte, und deine Einschätzungen teile, empfand ich den Moderationsstil an bestimmten Stellen trotzdem befremdlich. Zum einen nervte mich das Dauergerede. Ein guter Kommentator sollte zur wohlakzentuierten Betonung seiner Kommentare auch mal Schweigen können, und sei es nur ganz kurz.

    Zweitens hatte ich das Gefühl, dass der gute Mann teilweise von seinen eigenen Geschichten davongetragen wurde, und dann nicht mehr rechtzeitig auf aktuelles Spielgeschehen reagieren wollte. Wenn gerade ein interessanter Pass geschlagen wird und ein Angriff rollt, dann will ich in diesem Moment nicht wissen, was 1972 oder 2003 passiert ist


  12. Herr Wagner sagt:

    @Jean-Luc: Verstehe ich gut — aber dafür gibt’s ja schon Tante Reif.

    Find’s schön, dass jemand unkontrolliert brabbelt, aber dabei sowohl Ahnung, Anekdoten-Wissen und rhetorisches Talent hat.
    Und Lust, zu fabulieren.

    Der Rest sind für mich verzeihbare Fehler.


  13. Luis sagt:

    Aber wie in allem muss sich CR7 Lionel Messi beugen, denn es gibt bereits diese Witze:
    “I call my penis Lionel Messi, ’cause I just can’t stop f*cking scoring!
    And not Cristiano Ronaldo, because my freekicks don’t fly near to the orbit.”

    Sorry, CR7, aber du bist wohl der Einzige, der seine Cojones und das was darüber ist nach sich selbst benennt!
    In diesem Sinne…


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