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72 Tore in einem Jahr: Messi, Nietzsche und der reumütige Übermensch

Nietzsche erklärt Messi für tot, findet reumütig seinen Weg zurück und erinnert sich, wer der wahre Übermensch ist. Flatterballige Gute-Nacht-Literatur zu Messis nächstem ewigen Rekord.

Geschrieben von Herr Wagner am 06.05.2012 um 21:35 Uhr
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Das zweiköpfig-übermenschliche Monster. Leo rechts, Fritz links. Illustration: Herr Wagner nach einem Foto von Addesolen und der Radierung von Hans Olde

Man verscherzt es sich schnell mit den Göttern — vor allem dann, wenn man sie vorzeitig für tot erklärt.

Friedrich Nietzsche — ja, genau, der mit „Gott ist tot“ — ist ein gutes Beispiel. Ein paar Jahre nach seinem berühmten Satz hat ihn die Syphillis gepackt, kurz darauf die Verrücktheit. Von da hat der alte Fritz mit dem beeindruckenden Schnäuzer seine Geheimnisse nur noch mit Kutschpferden teilen wollen. So jedenfalls die Legende, und wenn man Legenden haben kann, was will man da mit der schnöden Wahrheit? Genau.

Ein anderes gutes Beispiel, quasi das Nietzsche-Äquivalent in der Fußballwelt, ist die bisweilen manische Presselandschaft. Mal weitsichtig, mal weltfremd, meist blutrünstig und selten besonnen — ganz wie der alte Fritz, wenn man so will. Und dieser Fritz — der Pressenietzsche, also — war bis vergangenes Wochenende von seinem Übermenschen enttäuscht.

So viel Hoffnung in die Erfüllung seiner titanischen Ansprüche hatte er ausgerechnet in den kleinen Lionel aus Argentinien gelegt. Und nun erdreistete sich der kleine Lionel — zum ersten Mal in 4 Jahren — Schwäche zu zeigen. Und Schwäche, damit kann der gute Fritz nichts anfangen. „Die Werte der Schwachen sind obenan“, meinte Fritz dereinst nämlich in weiser Voraussicht, „weil die Starken sie übernommen haben, um damit zu leiten.“ Will sagen: Jetzt fängt der auch schon damit an. Ist denn auf nix mehr Verlass? Oder eben: auch Lionel Messi schießt mal daneben.

Und dann fing er an, auf ihn einzuhämmern, der Pressefritz auf den menschlichen, allzumenschlichen Lionel, nach der Clásico-Niederlage und dem Champions-League-Aus; verstieß ihn von der Pforte der Ewigkeit, ab ins Reich der Menschen; suchte sich einen neuen Übermenschen. Die makellose Gestalt von Cristiano Ronaldo bot sich da an. Der vergessene Übermensch, gewissermaßen. Und er jubelte und jubelte, schon am nächsten Tag, als der neue Übermensch sich der Aufgabe gerecht zeigt und kaum eine Viertelstunde braucht, um die Königlichen (wen sonst?) gegen die Roten (pfui!) auf die Ewigkeitsstraße zu schießen. Dann biss er 105 Minuten lang auf die Nägel, der Pressefritz, weil der Übermensch sich wehrte, die Königlichen auf der Siegerstraße zu halten.
Dann biss er sich in den Allerwertesten, als der neue Übermensch im Elfmeterschießen an einem übermenschlichen deutschen Torwart scheiterte (anno dazumal ein Lieblingskandidat für Fritz‘ Übermenschen-Kabinett).
Dann war er eine Woche still, der Fritz, weil er nicht so richtig wusste, wohin — wohin mit all der Liebe, all den Hoffnungen, all der Enttäuschung.
Und dann, schließlich, fand er ihn zurück, den Übermenschen, an der selben Stelle, an der er ihn verlassen hatte.

Im Camp Nou zu Barcelona hat Lionel Messi im Stadtduell gegen die Durchschnittsmenschen von Espanyol am vergangenen Samstag sein 69., sein 70., sein 71. und dann auch sein 72. Saisontor geschossen. So als Dankeschön für Peps letztes Heimspiel. Mit dem 72. Saisontor hat er nicht nur Gerd Müllers europäischen Torrekord von 1973 um gleich fünf Tore überboten, er hat damit auch sein 50. Ligator geschossen.
50 Ligatore!
Das sind mehr als der ewige Rekord, den Cristiano R. aus M. erst im vergangenen Sommer aufstellte. Und da steht er nun, der gute alte Fritz. Schaut ein bißchen blöd drein, weil er den Menschen dochmal vorgeworfen hatte, sie seien „noch fauler als furchtsam“ und würden „gerade am meisten die Beschwerden“ scheuen, „welche ihnen eine unbedingte Ehrlichkeit und Nacktheit aufbürden würden.“ Beschwerden wie Übermenschenauskerkürerei, zum Beispiel.
„Ach“, hat er geseufzt, „ich bin ein Verhängnis“, hat er gedacht, als er merkt, dass den von ihm Gelobten häufig das Schicksal widerfährt, in die Menschlichkeit hinabzugleiten.
Blieb ihm schließlich kaum mehr — ach! –, als sich im prächtigen Schnauzbart zu kratzen und dem alten neuen Übermenschen namens Lionel, der nun leider seine Sterblichkeit auch bewiesen hat, durch das Meer von Haaren eine unverständliche Entschuldigung zuzumurmeln.

Wer will’s ihm verdemken, dem alten Fritz mit seinem Gram, dem oft Enttäuschten, wenn er Halt sucht, irgendwo, in dieser unsicheren Welt, in der der Übermensch am FC Chelsea scheitern kann. Allein, Beruhigung naht: „Nicht die Stärke“, ruft er aus, „macht die hohen Menschen aus, sondern die Dauer der hohen Empfindung.“ Und was ein gründlicher Pressevertreter ist, sucht natürlich nach dem Urheber des Zitats. Er staunt kaum, als er entdeckt, dass das Zitat von ihm stammt, vom Pressefritz höchstselbst. Und schon erinnert er sich ans Wesentliche: der Übermensch, das ist er selbst. Was dann ja schließlich auch heißen muss: Du bist Messi. Oder: Ich bin Übermensch. Wir sind Fritz. Oder auch: Morgen ist auch noch ein Tag (für die Ewigkeit).


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