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Flatternde Nerven — Über Massenkeilereien im französischen Titelrennen

Der französische Meisterschaftskampf findet auf der Zielgerade ohne Montpelliers neuentdecktes Supertalent Younes Belhanda statt. Flatterball rollt den Abend auf, an dem eine komplette Mannschaft mal so eben die Nerven verliert.

Geschrieben von David Frogier de Ponlevoy am 08.05.2012 um 18:30 Uhr
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Montpelliers Vielleicht-Meisterschaftsmacher, der unter Umständen sein letztes Spiel für den bisherigen Arbeitgeber schon gemacht hat: Younes Belhanda. Illustration: Herr Wagner nach einem Foto You03

Eigentlich schienen die Rollen klar verteilt in diesem Meisterschaftskampf des Großen gegen den Kleinen. Die Mannschaft mit dem nervösen Nervenkostüm, das war die Millionentruppe aus Paris. Die haben schließlich was zu verlieren. Unter anderem ihre Ehre. Man verliert als Mannschaft von teuer eingekauften Superstars nicht die Meisterschaft gegen einen Provinzclub. (Zuletzt stellte Paris seine flatternden Nerven eindrücklich bei der Niederlage gegen Lille unter Beweis.) Die Kicker aus Montpellier hingegen, das war die unbekümmerte Truppe, die eigentlich gar nichts zu verlieren hatte, die einfach nur fröhlich und als verschworene Gemeinschaft aufspielte, und sich mit den Titelchancen irgendwie selbst verblüffte.

So jedenfalls das Klischee. Bis zum 35. Spieltag.

Seitdem ist plötzlich alles etwas anders. Und es liegt der Gedanke nahe, dass Montpellier sich mit den Titelchancen so sehr selbst verblüfft hat, dass sie es zwischenzeitlich mit der Angst zu tun bekommen haben. Denn einer ganzen Mannschaft scheinen die Sicherungen durchgebrannt. Mit Folgen?

35. Spieltag. Es läuft die 93. Minute des Spiels zwischen Montpellier und Evian TG1. Es steht 2:2. Unbefriedigend für das Team aus Montpellier, schließlich könnten damit die Pariser wieder rankommen. Dann wird Montpelliers junger Mittelfeldspieler Cabella gefoult. Elfmeter. Alles scheint gut zu werden.

Dann kommt es zwischen Evians Spieler Cédric Mongongu und Younes Belhanda zum Gerangel. Belhanda, wir erinnern: Einer der mittlerweile großen Stars der Mannschaft, die völlig ohne Stars in die Saison gestartet ist.2 22 Jahre. Zwölffacher Nationalspieler für Marokko. Diverse europäische Topclubs sollen interessiert sein. Eine Hand landet in Belhandas Gesicht. Der Rest geht im Tumult mehrere Mitspieler unter. Am Ende zückt der Schiedsrichter zwei Rote Karten: Eine für Mongongu, eine für Belhanda.

Beide schleichen nicht einfach vom Platz, nein, sie fangen währenddessen ein weiteres Gerangel an, kurz vor der Trainerbank. Kurze Zeit später haben sich beide Mannschaften fest ineinander verkeilt. Auf verwackelten Handy-Kameras3 von Fans kann man sehr schön sehen, wie eigentlich nur noch der Elfmeterschütze und der Torwart eisern auf ihren Positionen verharren, der komplette Rest der Anwesenden ist ein eine Art Massenkeilerei verwickelt. Das Fazit: Zwei weitere Rote Karten, eine für Montpellier, eine für Evian. Ironischerweise bekommt auf Seiten von Montpellier Gregory Lacombe die Karte, der auf den Fernsehbildern eher wirkt, als wolle er schlichten.4

War noch was? Ach ja, der Elfmeter. In der 98. Minute (!) des Spiels darf endlich Souleyman Camara zum Elfmeter antreten. Eigentlich würde normalerweise Toptorschütze Giroud (21 Tore) schießen, der hat aber vor wenigen Tagen gerade verschossen, und will nicht.

Camara verschießt.

Nun gut, seien wir ehrlich: Nach all dem, was zuvor passiert ist, kann man es ihm nicht ganz übel nehmen. Belhanda sieht das allerdings anders. Einen Tag später lässt er in der Presse vermelden, die Schuld an dem ganzen Schlamassel liege bei Giroud und Camara, die „ihren Pflichten nicht nachgekommen seien.“ Mehr als indirekt klingt aus seinen Worten sogar heraus: Eigentlich ist er nur vom Platz geflogen, weil er sich so sehr darüber aufgeregt hat, dass Giroud nicht schießen wollte.

Eine unbekümmerte Mannschaft mit starken Nerven? Das Bild hat Risse.

Ende vom Lied: Paris ist wieder auf drei Punkte Montpellier dran, bei fast gleichem Torverhältnis. Belhanda darf am 10. Mai erfahren, wie lange er gesperrt ist. Vermutlich bis Ende der Saison. Damit fehlt Montpellier in den letzten zwei entscheidenden Spielen ein Teil des neuentdeckten Wunderdous Giroud-Belhanda.5 Außerdem gibt es für das gesamte Team Redeverbot mit der Presse.

Am Montagabend gibt Montpellier eine erste Antwort: Ein ungefährdeter Sieg gegen Rennes. Am kommenden Sonntag folgt das möglicherweise meisterschaftsentscheidende Spitzenspiel gegen Lille (aktuell fünf Punkte hinter Montpellier). Sollte Montpellier das tatsächlich stemmen, dann haben sie zumindest eines bewiesen: Die Mannschaft wäre durch einen internen und medialen Sturm unbeeinflusst hindurchgesteuert.

Das wäre dann in der Tat meisterschaftswürdig.6

Anmerkungen zu diesem Artikel

Anm. 1: Evian Thonon-Gaillard hat ein paar interessante Parallelen zu Hoffenheim. Der französische Club hat zwar Geschichte, entstand in seiner heutigen Form aber erst 2007 durch eine Fusion (deshalb auch der komplizierte Name). Anschließend stieg er innerhalb von vier Jahren von der vierten in die erste Liga auf. Verantwortlich dafür war unter anderem Investitionsgeld des Chefs von Danone, Franck Riboud, sowie der Weltmeister Bixente Lizarazu und Zinedine Zidane.
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Anm. 2: Ach ja: Zidane war beim Spiel im Stadion. Monteplliers Präsident Louis Nicollin plant zum Stadion-Jubiläum von Montpellier 2014 ein Freundschaftsspiel gegen Real Madrid. Zidane soll vermitteln. Kommentare des Fußballidols zur Prügel-Affäre sind keine bekannt. Vor dem Anpfiff ließ er sich allerdings zitieren mit dem Satz: „Belhanda verbringt Außergewöhnliches!“.
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Anm. 3: Auf dem besagten Handy-Video kann man übrigens ebenfalls hören, wie einige Fans von Montpellier wüst jemanden als „schwule Sau!“ beschimpfen. (Es wird nicht ganz klar, ob der Schiedsrichter oder einer der gegnerischen Spieler gemeint ist). Soviel dann noch zum Thema, der Verein setze sich gegen Homophobie ein…
Und wo wir schon bei „Loulou“ Nicollin sind. Der Präsident hat sich nach der ganzen Geschichte ebenfalls zu Wort gemeldet, und erklärt, er sei froh, dass es wenigstens einen intelligenten Spieler gebe, nämlich Giroud, der nach den Anschuldigungen von Belhanda einfach die Klappe gehalten habe. Und Belhanda müsse eben einfach noch etwas reifer werden. Dann wisse er auch, dass man in einer solchen Situation nicht zurückschlägt, sondern, so Nicollin: „sich auf den Boden schmeißt und ‚Ah! Ah! Er hat mich getötet!‘ schreit.“
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Anm. 4: Die Französische Liga hat mittlerweile offiziell die ungerechtfertigte Rote Karte von Gregory Lacombe zurückgezogen, und sie stattdessen dem Chilenen Marco Estrada gegeben. Das ist zwar gerecht, aber schlecht für Montpellier. Im Gegensatz zu Lacombe war Estrada nämlich Startspieler, und ist einer der zwei wichtigsten Spieler für Ecken und Freistöße. Der andere ist Belhanda.
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Anm. 5: Der Ausfall von Belhanda gibt dem Fußballfan die Möglichkeit, stattdessen ein anderes Talent näher zu beobachten: Der 22-jährige Jugendnationalspieler Remy Cabella wird Belhanda als Spielmacher ersetzen. Das durfte er bereits erfolgreich während der Afrikameisterschaft Anfang des Jahres. Am Montag gegen Rennes war er der überragende Mann auf dem Platz und an beiden Toren durch sein kluges Stellungsspiel beteiligt. Bleibt die Frage: Wo schüttelt Montpellier eigentlich alle diese jungen Talente aus dem Ärmel?
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Anm. 6: Und zum Schluss noch was für die Verschwörungstheoretiker. Paris ist angeblich an Belhanda interessiert.
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