Die automatische Aktualisierung wurde angehalten, damit du Deinen Kommentar in Ruhe zu Ende schreiben kannst. Wenn du deinen Kommentar abgeschickt hast oder ihn doch nicht mehr schreiben willst, klick einfach einmal außerhalb des Kommentarfelds — dann aktualisiert der Ticker auch wieder.

Flatterball ist der Blog für Fußballgeschichten mit dem wöchentlichen & zurecht fast weltberühmten Podcast.

Klassenkampf und Opportunismus. Ein Aachener Perspektivenwechsel

Ein von der abgelaufenen Saison geschundener Aachen-Fan schaut auf die Relegation — und die Relegation hat nicht nur zwei Seiten, sie ist zwei Medaillen. Eingekeilt von einem Relegationsplatz am oberen und einem am unteren Tabellenende hat die zweite Bundesliga Tarek Sumiris Integrität diese Saison in arge Nöte gebracht.

Geschrieben von Tarek Sumiri am 16.05.2012 um 16:14 Uhr
1Notiz kommentieren
Notiz weiterempfehlen:

Düstere Zeiten für einen Club, der vor ein paar Jahren noch Höhenluft witterte. Illustration: Herr Wagner

Ich bin Aachen-Fan. Punkt. So einsam dahingestellt wirkt dieser Satz wie ein Bekenntnis, für das man mit Spott oder Prügel rechnen muss. Das war mal anders und in dieser besseren Zeit wurzelt meine Ablehnung der Relegationsspiele als solche.

Zum vierten mal in Folge haben in den vergangenen Tagen zwei Teams ihre Ligaheimat verlassen und waren ortlos, ohne Zugehörigkeit. Vor den Pforten von Liga eins und Liga zwei wird im archaichen Eliminationsmodus entschieden, wer das gelobte Land betreten darf und wer den Gang in die Vorhölle antreten muss. Vier mal hat dieses Spektakel stattgefunden, seitdem die Krawattenträger sich Gedanken gemacht haben, wie sie noch ein paar Tropfen mehr aus der großen Gelddruckmaschine pressen könnten und sich dabei an ein Relikt der 80er Jahre erinnert haben.

Mit wildem Hass hat mein klassenkämpferisches Herz damals auf diese Nachricht reagiert. Nicht ganz interesselos natürlich. Als Alemannia-Anhänger war man mittlerweile gewöhnt, dass — ungeachtet, wie dröge die Vorsaison gelaufen war — man jede Spielzeit mit dem klammheimlichen Ziel „Aufstieg“ anging. Die Einführung der Relegation war da ein Schlag ins Gesicht: Was, wenn man auf diesem dritten Platz landet? Für die ersten Plätze bewerben sich ohnehin immer schon (relativ) finanzstarke Absteiger, die mit Erstligakadern den direkten Wiederaufstieg in den Blick nehmen. Rein körperlich erschien es mir fragwürdig, ob ich diese Spiele überstehen könnte und die Ungerechtigkeit erst, die hinter diesem Modus steht. Da wird von oben herab einfach zur Disposition gestellt, was eine Mannschaft sich im langen Verlauf einer Saison ehrlich und rechtmäßig erarbeitet hat. Fast ein ganzes Jahr zittern, bangen, trauern, jubeln, hoffen… nur um dann betrogen zu werden! Und warum? Für ein bisschen Extra-Kohle und nicht zuletzt, so meine Überzeugung, um den Großen (wie „groß“ der übliche Absteiger ist, sei dahingestellt) noch eine vollkommen unverdiente Chance zu bieten, dem Teufel von der Schippe zu springen. Fußballmafia DFB? Aber sowas von!

Erschreckenderweise fand ich mich in dieser Saison auf der anderen Seite meines eigenen Arguments wieder: Wieso ungerecht? Ob der dritte Platz zum Aufstieg, zur Relegation oder zum Besuch des Phantasialands berechtigt, ist doch eine vollkommen willkürliche Setzung, die keinerlei Vorrang vor ihren Alternativen beanspruchen kann. Diese opportunistische Kehrtwende wurde schon im ersten Saisondrittel eingeleitet. Die Alemannia startete mit vier Niederlagen, darauf folgten vier torlose Remis, dann wieder Niederlagen. Den ersten Saisonsieg gabs am zwölften Spieltag. Doch jetzt war der Knoten geplatzt! Oder auch nicht… den nächsten Sieg gab’s erst vier Spieltage später, gegen Karlsruhe. Auf einmal ging der Blick nicht mehr nach vorne — wir-da-unten gegen die-da-oben –, sondern zurück, wo das Lumpenproletariat der dritten Liga darauf gierte, unseren Platz einzunehmen. Die Dynamik der Alemannia hat sich auch im weiteren Verlauf der Saison nicht erhöht, nur freundlich überpinselt von ähnlich schwachen Mannschaften, die mit uns im Gleichschritt vor sich herstolperten. Wird schon, flüsterte das Unterbewusstsein beruhigend. Der Kader ist viel zu gut für den Abstieg. Aber es wurde nichts und als hätten sie sich verabredet, zog die Abstiegskonkurrenz das Tempo an. Mannschaft nach Mannschaft verabschiedete sich aus unserer Reichweite und mit einem mal war der Relegationsplatz das Ziel aller Träume. Nur das erreichen dieses Platzes, das wäre schon das Wunder von Aachen, von den Lokalmedien unablässig beschworen. Und es fand statt, zumindest fast: Heimsieg gegen Karlsruhe, den direkten Konkurrenten. Die Schmach eines vorzeitigen Abstiegs abgewendet und voller Hoffnung in das letzte Gefecht bei den Münchener Löwen. Die hatten nichts mehr, um das sie kämpfen konnten und ließen sich leicht erlegen, doch Karlsruhe besiegte das übergroße Frankfurt. Die hatten uns zu Hause geschlagen, aber da konnten sie ja auch den Aufstieg perfekt machen; gegen den KSC lohnte es sich nicht mehr zu laufen. Nicht mal mehr den Relegationsplatz erreicht, Dreck! Eigentlich sollten doch alle Abstiegsplätze Relegationsplätze sein, dachte ich.

Ja, ich habe mir angeschaut, wie der KSC von Jahn Regensburg zur Drittklassigkeit verurteilt wurde (das ist gut, denn den KSC haben wir diese Saison zweimal geschlagen, da wartet also leichte Beute auch in der neuen Saison). Und spannend waren die Spiele, nervenzerreißend. Zehn Minuten vor Ende des Rückspiels (es steht 2:2 nach einem 1:1 im Hinspiel, Regensburg wäre dank der Auswärtstore durch) treten technisch versierte Mittelfeldspieler den Ball ohne große Not nur noch Richtung Eckfahne, wohl, weil sie ihren schlotternden Knien nicht mehr vertrauen können. Regensburg verliert zwei Spieler durch Platzverweise, doch auch die Karlsruher erstarren wie ein Haufen blau-weiß verschwitzter Rehe im Scheinwerferlicht und zimmern lieber aus 30 Metern auf das Regensburger Tor, statt zwei Köpfe und vier Beine Überzahl auszuspielen. Unmenschlich, diese Spannung! Dann ist es vorbei, die üblichen Szenen: Jubelläufe auf der einen, leere Gesichter auf der anderen Seite. Ich bin froh, dass Regensburg es geschafft hat, nicht weil ich Sympathien für sie hegen würde (ich hatte schon vergessen, dass es sie überhaupt gibt) oder umgekehrt eine Abneigung gegen den KSC hätte (wobei ich die habe! Aber das ist eine andere Geschichte), sondern weil es nur gerecht ist, dass der Dritte aufsteigt! Was hatte ich mir nur dabei gedacht, meine Überzeugungen in Frage zu stellen? Und vielleicht muss/darf ich nächstes Jahr auch auf den Sieg der Gerechtigkeit hoffen, wie immer sich dann das Fähnchen auch gedreht hat.
Nur wie ich das überstehen soll, das weiß ich noch nicht.


Notiz weiterempfehlen:

Tags für diesen Artikel

, , ,

Ein Kommentar für diesen Artikel

  1. Fan sagt:

    Schön geschrieben!

Hinterlasse eine Antwort