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Laute Nachbarn, schlaflose Nächte

Manchester City hätte seine erste Meisterschaft seit 44 Jahren nicht auf dramatischere Art und Weise gewinnen können, als es am Sonntag der Fall war. Manchester United hatte den Titel nach Abpfiff ihres Spiels in der Hand und musste ihn dann doch noch abgeben. Die Folgen der letzten Minuten dieser Saison könnten über Jahre zu spüren sein.

Geschrieben von Herr Salzmann am 15.05.2012 um 17:13 Uhr
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Halleluja -- zumindest für Hellblau. Der erste Schritt im langen Aufstieg der lauten Nachbarn zu Europas feinster Adresse ist getan. Illustration: Herr Wagner

Als Sergio Agüero am Sonntag in der 94. Minute den Siegtreffer gegen QPR erzielte, ertönte ein Urschrei aus knapp 50.000 Kehlen im Etihad Stadion, der seismologische Schockwellen durch Englands Fußballhauptstadt schickte. Manchester City hatte Manchester United, dem Thronhalter des englischen Fußballs, den Titel in der letzten Minute der Saison entrissen.

Dieser Titel, der vor dem Spiel als abgemachte Sache galt, war während des Spiels für City in weite Ferne gerückt. Die vom Abstieg bedrohten Queens Park Rangers hatten zu Zehnt das Spiel gedreht und führten völlig überraschend mit 2:1. Ein einziges Unentschieden hatte sich die heimstärkste Mannschaft Englands während der gesamten Saison zu Hause geleistet und lag jetzt gegen die schwächste Auswärtsmannschaft der Liga zurück. Unvorstellbar so es vor dem Anstoß schien, der Titel würde wieder in die Hände des alten schottischen Ritters Ferguson und seiner Mannen fallen. Mancini sprang an der Außenlinie frustriert auf und ab, zeterte, schimpfte, raufte sich die Haare. Die Fans taten Selbiges auf der Tribüne, malträtierten vor Wut ihre Sitzplätze oder ließen ihren Tränen freien Lauf.

Die Rivalität zwischen den beiden Vereinen hatte sich in den letzten Jahren bis zum Siedepunkt gesteigert. Im Jahr 2009 noch, hatte Ferguson den Lokalrivalen als “laute Nachbarn” abgetan. Als störend, aber ungefährlich. Große Klappe, nichts dahinter. Seitdem hatte es hitzige Duelle auf und abseits des Rasens gegeben, Mancini und Ferguson hatten sich beim letzten Aufeinandertreffen eine wilde Zofferei an der Seitenlinie geliefert, jahrelang war die Überheblichkeit und der Erfolg von United für City wie das rote Tuch für den Stier. Auf der Zielgeraden dieser Saison hatte City einen Acht-Punkte-Rückstand auf United aufgeholt, Jahrzehnte der Entbehrung schienen ihr Ende zu finden und dann sollte der Titel am letzten Spieltag doch wieder an die rote Seite der Stadt gehen? Das Trauma, das dieses Szenario ausgelöst hätte, war allen im Etihad Stadion zu Beginn der Nachspielzeit bereits ins Gesicht gezeichnet. Nicht schon wieder, nicht der große Rivale.

Auf ähnliche Art und Weise hatte Manchester United bereits vorher seine Gegner in der Ära Ferguson psychologisch zermürbt. Die roten Teufel sind bekannt für ihre Tore in letzter Minute – die Fans des FC Bayern dürften das mit gequälter Miene bestätigen – und wenn es in einem Meisterschaftskampf in England in der letzten Dekade eng wurde, gab es nur einen Sieger: Manchester United. Für City war es das erste Duell gegen Fergusons Truppe. Sie trugen im Gegensatz zu den anderen englischen Topmannschaften noch keine Narben früherer Titelkämpfe mit sich, waren jedoch zum Zeitpunkt von Agüeros Tor nur noch eine Minute davon entfernt sich dem Rekordmeister beugen zu müssen. Der Glaube an Fergusons Voodoo wäre auch auf der blauen Seite von Manchester gewachsen.

Der Unterschied, den dieses eine Tor macht, könnte riesig sein. Eine Meisterschaft hat es bereits entschieden – potentiell ist es aber mehr als eine. City weiß jetzt, dass es die bessere Mannschaft ist. Dass sie sich auf sich selbst verlassen können. Dass sie nicht zu den Roten hinüberschielen müssen. City ist nicht mehr Jäger, sondern Gejagter. Ein Gejagter mit dem Wissen, dass sie ihren Gegnern in Punkto Ressourcen um Lichtjahre voraus sind. Sie haben die besseren Spieler und jetzt auch eine Mannschaft, die sich wie Houdini aus den brenzligsten aller Situationen befreien kann. Das festigt den Glauben an die eigene Stärke und Überlegenheit. Wie man ohne Agüeros Tor von einem weiteren Titelrennen auf Augenhöhe ausgegangen wäre, so scheint es jetzt fraglos, dass City als Favorit in die nächste Saison geht.

Das Tor des kleinen Argentiniers wird möglicherweise als eins der bedeutungsvollsten der englischen Fußballgeschichte eingehen. Möglich, dass es den Start einer Ära eingeläutet hat. Das psychologische Moment ist in die diametral andere Richtung geschwungen. Fergusons Truppe hat zum ersten Mal einen engen Meisterschaftskampf verloren. Schlimmer noch, sie hat mit 8 Punkten einen formidablen Vorsprung verschenkt. Und just als das Glück ihnen am letzten Spieltag doch den Titel zuzuspielen schien, schlug City mit einem ohrenbetäubenden Knall zu. City ist das neue United. Die Party der Nachbarn dürfte dem geschlagenen Ritter schlaflose Nächte bereiten.


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Ein Kommentar für diesen Artikel

  1. Oli Stb sagt:

    Den Nebensatz: “der seismologische Schockwellen durch Englands Fußballhauptstadt schickte”
    hättet ihr euch auch verkneifen können. LONDON ist und bleibt die Nummer 1 auf der Insel :D

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